Gabriel von der Schmerzhaften Jungfrau


Ein stiller Seufzer der Liebe
Text und Leitung von Carlo Tedeschi
aufgeführt von seiner Compagnia Teatrale



Präambel

Am Lago di Montecolombo hatte ich im Mai 2008 die Gelegenheit, einer ersten Hauptprobe des neuen Musicals von Carlo Tedeschi beizuwohnen. Vom Inhalt wusste ich noch sehr wenig, auch über den hl.Gabriel war ich nicht sonderlich informiert. Nicht alles verstand ich, was wohl daran lag, dass ich die italienische Sprache nicht perfekt beherrsche. Dass ich trotzdem von der Darbietung zutiefst ergriffen war, ist vor allem auf die künstlerische Leistung zurückzuführen, sei es die des Autors wie auch die der bezaubernden Darstellung der jungen Künstler. Ich war völlig begeistert von dem Erlebten, aber hatte eigentlich den Eindruck, dass dieses Stück vor allem der Jugend gewidmet sei. Wie ich im Übrigen auch aus einem Interview von Carlo Tedeschi meinte herauszuhören. Denn der Heilige Gabriel wurde ja zum Schutzheiligen der Jugend ernannt.

Wenige Tage nach der Aufführung bekam ich das Drehbuch zu lesen, und fing an, die Bedeutung des Inhalts besser zu verstehen. Aber erst, als ich auch die Generalprobe ansehen durfte, wurde mir bewusst, dass sich von diesem Werk jeder angesprochen fühlen kann, ganz gleich, ob jung oder alt, Gläubiger oder religionsloser Mensch.

Der Heilige Gabriel



Er wurde mit dem bürgerlichen Namen Francesco Possenti als elftes Kind 1838 in Assisi geboren und starb nach nur 24 Jahren in Isola del Gran Sasso,
wo er die letzten zwei Jahre seines kurzen Lebens verbrachte. Als er im Alter von vier Jahren seine Mutter verlor, fand er in der Mutter Gottes Halt und Geborgenheit. Einem inneren Rufe folgend – es war die Jungfrau Maria, die zu ihm sprach – trat er 1856 als Mönch in den Orden der
Passionisten ein.
Sein bisheriges Leben war das eines lebensfreudigen jungen Menschen gewesen. Er war intelligent und hochbegabt, besaß eine starke Persönlichkeit und war überall beliebt. Seine Begeisterungsfähigkeit wirkte ansteckend. Wo er hinkam, verbreitete er Freude. Nichts weltliches war ihm fremd.
Doch viele traurige Ereignisse waren seine ständigen Begleiter. Krankheiten und Unfälle, und vor allem der plötzliche Verlust einiger seiner Familienmitglieder machten aus ihm einen nachdenklichen, nach wahren,
ewigen Werten Suchenden. Je mehr er von Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, desto mehr begann er an seinem bisherigen Leben zu zweifeln. Er suchte Antworten auf seine Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum, Woher und Wohin. Er wusste: nur Gott konnte ihm diese Fragen beantworten. Seine Liebe zu Gott vertiefte sich, er sehnte sich nach einem besseren Leben, nach wahrem Glück. Dieses fand er durch eine tiefgehende Läuterung und durch das Streben nach Vollkommenheit.

Das Musical oder Der Weg in die Freiheit

Es wird dunkel im Theatersaal. Eine jüngere Frau mit einem Buch in der Hand erzählt uns eine Geschichte. Ihre eigene, aber sie könnte auch meine sein. Ja, die Geschichte von einem jeden von uns.
Sie hatte ein normales Leben geführt …bis sie plötzlich schwer erkrankte. Sie geriet in Panik, verlor den Boden unter den Füßen und ihre vermeintliche Selbstsicherheit hatte sich in ein Nichts aufgelöst. Aber sie war noch jung und davon überzeugt, dass die Ärzte und die Wissenschaft ihr würden helfen können. Sie holte Diagnosen ein, unterzog sich Laboruntersuchungen und den Therapien, die ihr verschrieben wurden. Aber dann kam das endgültige Urteil: Epilepsie, unheilbar. Sie stellte sich die Frage, die wohl viele von uns kennen: soll das alles gewesen sein? Sie wollte nun mehr über ihr Leben erfahren, über seinen Sinn, über den Tod, über das Danach. Da fiel ihr ein Buch über das Leben des Heiligen Gabriel in die Hände. Sie fand dort alle Antworten, die sie suchte. Und dann hatte sie einen Traum, in dem sie der heilige Gabriel aufforderte, ihre Behandlungen
abzubrechen. Wenn sie das täte, würde sie geheilt werden, versprach er ihr. Sie zögerte aber, diesem Rat zu folgen. Erst als sich dieser Traum noch zweimal wiederholte, brach sie alle medizinischen Behandlungen ab und wurde wieder ganz gesund.

Der Vorhang geht auf.

Bild für Bild, Szene für Szene nehmen wir an der inneren, geistigen Verwandlung des hl. Gabriels teil. Ich zuerst nur als Zuschauerin, nunmehr aber als Beteiligte. Denn ich weiß, es geht hier auch um mein Leben. Wer konsequent den Weg Gottes geht, geht den Weg der Heilung. Das konnte ich durch langjährige Erfahrung lernen. Die Geschichte des heiligen Gabriel hat mich nun darin bestätigt, dass dieser Weg für jeden offen steht. Man muss ihn nur wählen. Natürlich geht es mir dabei nicht darum, dass aus uns Mönche oder Heilige werden. Nein, es geht mir nur um das Glück, das wir durch diese Wahl erfahren. Und zwar tagtäglich. Jeder Schritt in die richtige Richtung, oft gepaart mit großen Herausforderungen, erzeugt Gefühle ungeahnter
Zufriedenheit und Glück. Denn wir tun nichts anderes, als unser Schicksal selber in die Hand zu nehmen, auf schlechte Einflüsse positiv zu reagieren, alle unnötige, für uns schädliche Barrieren in uns zu überwinden bzw. zu beseitigen und kein Problem mehr als unlösbar anzusehen. Jeder Schritt in diese Richtung bedeutet, sich unabhängig zu machen bis hin zur wahren Freiheit.
Ob wir nun Gott um Hilfe bitten oder versuchen, alles mit eigenen Kräften zu bewältigen, macht keinen Unterschied. Denn jedem, der diesen Heilsweg einschlägt, wird dabei geholfen. Es ist eine kosmische Wahrheit, dass Wollen auch Können bedeutet, wobei das Können ein Geschenk Gottes ist. Es liegt natürlich an uns, ob wir es als solches anerkennen wollen.

Meine eigene Geschichte ähnelt der, die wir am Anfang des Musicals von der Frau erfahren. Auch ich musste auf jede Art von medizinischer Behandlung verzichten. Der Zufall (oder soll man es Fügung oder Wunder nennen?) ließ mich ein natürliches Heilmittel finden, das meine oft schweren und schwersten Krankheiten heilte. Die Tatsache, dass ich immer Hilfe bekam, auch in schier auswegslosen Situationen, hat mir die unendliche Güte Gottes offenbart. Sie hat mir alle Ängste genommen und mir stattdessen die Gewissheit gegeben, es immer zu schaffen, ganz gleich, wie hoffnungslos es aussieht. Doch mir wurde auch bewusst, dass letztendlich SEIN Wille geschieht. Das bedeutet, dass der Mensch nicht den Zeitpunkt des Todes bestimmen oder beeinflussen kann, sondern nur, wie er ihm entgegentritt. Im Musical wird uns der Tod als
schwarze, furchterregende Tragödie dargestellt, so wie die meisten von uns ihn fürchten. Doch der sterbende Gabriel durfte ihn als wunderbare Verwandlung erleben, als ein „rauschendes“ Fest der Freude und der endgültigen Befreiung in das wahre, ewige Leben. Wir wissen, dass die meisten Menschen so sehr an ihrem irdischen Dasein hängen, dass ihnen das Verlassen ihrer im Leben angehäuften Güter, Erfolge und Werte als ein großer Verlust erscheint und ihnen ein zukünftiges Dasein ohne diese Errungenschaften nicht erstrebenswert erscheint. Doch ist man überzeugt von der unendlichen Güte des Schöpfers, dann vertraut man auch darauf, dass die Wiedergeburt in ein neues Leben das größte Geschenk ist.

Carlo Tedeschi hat die Geschichte des Heiligen Gabriel zu einem poetischen Werk verarbeitet, das den Zuschauer von Anfang bis zum Ende in einen zauberhaften Bann versetzt. Möge sie viele Menschen erreichen, damit auch sie die Kraft finden, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und es Gott anvertrauen.

Jakobe Jakstein
10. August 2008